Stecklinge & Abmoosen
Wurzelechte Pflanzen aus Trieben — einfach, aber mit Grenzen.
Wer eine Zitrussorte sortenecht weitervermehren möchte, ohne gleich das Handwerk der Veredelung zu erlernen, greift zu Stecklingen oder zur Abmoosung. Beide Methoden erzeugen wurzelechte Pflanzen — also Pflanzen, die auf eigenen Wurzeln stehen, ohne aufgepfropfte Unterlage. Das klingt verlockend einfach. Es gibt aber einen Haken, der für Mitteleuropa entscheidend ist.
Stecklinge
Welche Arten wurzeln gut?
Nicht alle Zitrusarten sind gleich bereit, aus Triebstücken Wurzeln zu schlagen. Die Erfahrung aus der Praxis zeigt deutliche Unterschiede:
Leichter zu bewurzeln:
- Zitrone (Citrus × limon) — gilt als einer der wurzelwilligsten Zitrus und ist ein guter Einstieg für Anfänger
- Limette (Citrus × aurantiifolia, C. latifolia) — wurzelt zuverlässig; wird im Hobbybereich auch häufig per Abmoosung vermehrt
- Calamondin (Citrus × microcarpa, früher ×Citrofortunella microcarpa) — treibt aus Stecklingen vergleichsweise problemlos an
Schwerer zu bewurzeln:
- Süßorange (Citrus sinensis) — die Wurzelbildung ist unzuverlässiger; viele Versuche scheitern oder dauern sehr lang
- Mandarine (Citrus reticulata) — ähnlich schwierig; kommerziell wird fast ausschließlich veredelt
Vorgehen Schritt für Schritt
Triebwahl. Halbverholzte Triebe sind die richtige Wahl — also Triebe, die nicht mehr ganz weich und grün sind, aber noch kein altes, hartes Holz. Als Faustregel gilt: Der Trieb lässt sich biegen, ohne zu brechen, und die Rinde beginnt gerade, von grün nach bräunlich umzuschlagen. Zeitlich passt das für die Frühjahrstriebe etwa ab dem Spätsommer, für die Sommertriebe ab dem Herbst. Alle Triebe müssen gesund und frei von Schädlingen sein.
Schnitt. Den Steckling knapp unterhalb einer Knospe abschneiden — dort sitzt teilungsfähiges Gewebe, und die pflanzeneigenen Wuchsstoffe sammeln sich an diesen Knoten, weshalb Wurzeln bevorzugt hier entstehen. Ein leicht schräger Schnitt vergrößert zusätzlich die Kontaktfläche zum Substrat. Die Blätter auf die Hälfte bis ein Viertel kürzen, um die Verdunstung zu reduzieren; ganz entfernen sollte man sie aber nicht, da die Blätter die Bewurzelung durch Photosynthese unterstützen.
Bewurzelungshormon. Das Hormon ist kein Muss, erhöht aber die Erfolgsquote spürbar. Für halbverholzte Zitrusstecklinge sind Präparate mit 0,1 bis 0,5 % Indol-3-buttersäure (IBA) die passende Größenordnung — die im Profibereich üblichen 1-%-Konzentrate sind für Zitrus zu stark dosiert. Im Haus- und Kleingarten sind Bewurzelungspulver in dieser Stärke als Fertigprodukt erhältlich. Die Schnittstelle kurz eintauchen, leicht abklopfen und einige Minuten antrocknen lassen, bevor der Steckling ins Substrat kommt.
Substrat und Topf. Nährstoffarmes, lockeres Substrat — ein Gemisch aus Kokoserde und Perlite eignet sich gut. Das Substrat soll feucht, aber nicht nass sein. Staunässe ist der häufigste Grund für Stecklinge, die verrotten, bevor sie Wurzeln bilden.
Wärme und Feuchtigkeit. Stecklinge brauchen hohe Luftfeuchtigkeit (idealerweise 85–95 %), damit sie nicht austrocknen, bevor die Wurzeln kommen. Eine einfache Plastiktüte über dem Topf oder eine kleine Anzuchtbox als Mini-Gewächshaus funktionieren gut. Alle zwei bis drei Tage kurz lüften — das verhindert Schimmel und Fäulnis. Wärme im Substrat (etwa 22–25 °C) beschleunigt die Bewurzelung erheblich.
Dauer. Bis die ersten Wurzeln gebildet sind, dauert es je nach Art, Trieb und Temperatur mehrere Wochen bis über zwei Monate. Kontrollieren lässt sich das vorsichtig: Wenn der Steckling leichten Zug am Substrat spüren lässt, sind erste Wurzeln da. Erst dann beginnt man, ganz schwach zu düngen.
Ein Erfolg: Stecklingspflanzen können bereits im ersten oder zweiten Jahr nach der Bewurzelung blühen und erste Früchte ansetzen — anders als Sämlinge aus Kernen, die viele Jahre warten lassen.
Abmoosen (Luftableger)
Beim Abmoosen bleibt der zu vermehrende Ast während der gesamten Wurzelbildung mit der Mutterpflanze verbunden — das ist der entscheidende Unterschied zum Steckling. Die Pflanze versorgt den Ast weiterhin mit Wasser und Nährstoffen, während sich die Wurzeln bilden. Deshalb klappt das Abmoosen oft auch bei Arten, die aus Stecklingen schlecht anwachsen.
Vorgehen
Ringelung. An der Stelle, an der Wurzeln entstehen sollen (ein kräftiger, reifer Trieb oder Ast), wird die Rinde auf einer Breite von etwa 2–3 cm bis aufs Holz ringsum entfernt. Dazu zwei waagerechte Umfangsschnitte setzen und den Rindenstreifen dazwischen herausschälen. Das Kambium muss vollständig freigelegt sein — andernfalls wächst die Rinde wieder zu, bevor Wurzeln entstehen.
Bewurzelungshormon (optional). Die freigelegte Stelle lässt sich mit Bewurzelungshormon-Pulver bestäuben, um die Wurzelbildung anzuregen.
Moos und Folie. Feuchtes Sphagnum-Moos (kein ausgetrocknetes, kein nasses — gut ausgedrückt) wird dicht um die Rindenwunde gewickelt, sodass die gesamte Stelle bedeckt ist. Darüber kommt eine Lage klare Plastikfolie, die oben und unten luftdicht abgebunden wird — mit Klebeband, Draht oder Pflanzenbindebast. Die Folie hält die Feuchtigkeit im Moos und schützt vor Austrocknung.
Warten. Wurzeln bilden sich je nach Art und Temperatur innerhalb von zwei bis fünf Monaten. Durch die klare Folie sind die Wurzeln sichtbar, sobald sie sich ausbreiten — erst dann ist der richtige Zeitpunkt zum Abtrennen.
Abtrennen und Einpflanzen. Knapp unterhalb des bewurzelten Bereichs schneiden, die Folie vorsichtig entfernen, den Moosballen möglichst unversehrt lassen und das Ganze direkt in einen Topf mit durchlässigem Substrat pflanzen. Die junge Pflanze braucht die ersten Wochen halbschattige, feuchte Bedingungen — bis die Wurzeln das neue Substrat vollständig erschlossen haben.
Wann sinnvoll — und wann nicht
Stecklinge und Abmoosen sind dann eine gute Wahl, wenn:
- man eine bestimmte Sorte sortenecht und ohne Veredelungskenntnisse weitervermehren möchte
- man gezielt Pflanzen von Arten zieht, die aus Stecklingen gut anwachsen (Zitrone, Limette, Calamondin)
- die Anzahl der Pflanzen überschaubar ist und kein kommerzieller Maßstab nötig ist
- man eine Pflanze aus einem Steckling oder Ast einer Lieblingspflanze im eigenen Bestand erhalten möchte
Wichtig: Wurzelechte Pflanzen aus Stecklingen oder Abmoosung haben keine der Vorteile, die eine Veredelungsunterlage mitbringt — keine erhöhte Frosthärte, keine Kalktoleranz, keine Resistenz gegen Phytophthora (Fußfäule). Gerade letztere ist in den ersten Jahren ein reales Risiko für wurzelechte Pflanzen. Für den Anbau in Mitteleuropa — sei es im Kübel oder im Freiland — sind veredelte Pflanzen mit einer geeigneten Unterlage in der Regel die deutlich robustere Wahl. Was Unterlagen leisten und wie man die richtige auswählt, erklärt die Seite Unterlagen.
Fairerweise gehört die andere Seite dazu: Wurzelecht hat durchaus Vorzüge. Es gibt keine Veredelungsstelle, die einwachsen, überwallen oder aufreißen kann, keine Unverträglichkeit zwischen Sorte und Unterlage, und vor allem keine Wildtriebe von unten, die man jahrelang wegschneiden muss. Wird die Pflanze bis zum Boden zurückgefroren, treibt sie zudem sortenecht wieder aus statt als Unterlage.
In Süditalien ist die wurzelechte Zitrone aus Steckling (talea) deshalb eine alte Tradition. Für den Kübel in Mitteleuropa gilt trotzdem: Wo Phytophthora und Frost die begrenzenden Faktoren sind, überwiegen die Vorteile der Unterlage — außer, du hast das Gießen sicher im Griff.